Interview: Null Hoffnung auf höhere Zinsen

Interview: Null Hoffnung auf höhere Zinsen

Christine Lagarde, die derzeitige Chefin des Internationalen Währungsfonds, soll neue EZB-Präsidentin werden. Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater erklärt, was das für die Geldpolitik und Sparer bedeutet.

 

Herr Kater, im Oktober könnte Christine Lagarde den derzeitigen EZB-Präsidenten Mario Draghi ablösen. Würde mit dem Wechsel das baldige Ende der Nullzinsära kommen?

Ulrich Kater: Das ist sehr unwahrscheinlich. Der Internationale Währungsfonds ist bekannt für seine aktive Haltung in Bezug auf die Makropolitik. Das bedeutet, dass die Geldpolitik und die Finanzpolitik genutzt werden sollen, um gesamtwirtschaftliche Ziele wie mehr Wachstum oder eine bestimmte Inflationsrate zu erreichen. Diese Denkweise ist in allen westlichen Zentralbanken weit verbreitet. Daher kommt jetzt auch erst einmal eine erneute Zinssenkung noch vor dem Stabwechsel. Mario Draghi hat eine Lockerung der Geldpolitik in Aussicht gestellt, wenn sich an Konjunktur und Inflation nicht bald etwas ändern sollte. Er könnte den Einlagensatz, zu dem Geschäftsbanken kurzfristig Liquidität bei der EZB parken, von minus 0,4 auf minus 0,5 oder 0,6 Prozent absenken. Wir haben auf diese Zeichen hin erst einmal alle Gedanken an eine Zinswende aufgegeben – die läge so weit in der Zukunft, dass man darüber heute nicht viel Sinnvolles sagen kann.

Aber läuft die Wirtschaft überhaupt so schlecht, dass eine Lockerung der Geldpolitik nötig ist?

Wir haben eine ausgesprochene Schaukel-Konjunktur. Im zweiten Quartal wird das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland möglicherweise leicht schrumpfen, im Quartal danach wieder etwas wachsen. In diesem Umfeld sorgt sich die EZB, dass die Europäer ihr Vertrauen in eine positive Wirtschaftsentwicklung verlieren und die Konjunktur gänzlich kippen könnte. Deshalb möchte sie gegensteuern. Es lässt sich zwar trefflich darüber streiten, ob eine weitere Absenkung des Einlagensatzes wirklich schon geboten ist. Aber die Notenbanken gehen nach der Devise vor: Lieber schnell und energisch handeln als irgendwann in der Deflation zu landen.

Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater

Minus 0,5 statt minus 0,4 – wie soll das helfen?

Je höher die Strafzinsen, desto größer die Anreize für Banken, ihre Liquidität in Form von Krediten zur Verfügung zu stellen anstatt sie bei der EZB zu bunkern – in der Theorie. Aber in der Praxis machen solche feinen Schritte natürlich keinen großen Unterschied mehr. Daher deutet einiges darauf hin, dass Draghis Zinsmanöver eher taktischer Natur ist. Er will das Niedrigzinsumfeld über seine Amtszeit hinaus zementieren. Mit seiner potenziellen Nachfolgerin sollte es aber in diesem Punkt sowieso keine Schwierigkeiten geben. Im Gegenteil könnte es sein, dass Christine Lagarde noch weitere Instrumente wie erneute Anleihekäufe ins Blickfeld nimmt.

Würde ein anderer Kandidat, zum Beispiel Jens Weidmann, möglicherweise zügig die geldpolitische Wende einleiten, damit die Zinsen bald wieder im Plus landen?

Der Präsident oder die Präsidentin der EZB hat weniger Zinsmacht als man dies eigentlich gerne hätte. Die Notenbank ist vor allem durch ökonomische Daten getrieben und diesen Strömungen kann sich auch der Kapitän auf der Brücke nicht entziehen. Entscheidend ist, ob die Führung der EZB weiterhin das Ziel von etwa 2 Prozent Inflation in der Eurozone ansteuern will – und da liegen wir derzeit klar darunter. Alles andere würde ein komplettes Umdenken in der Geldpolitik erfordern. Damit rechne ich nicht, erst recht nicht unter einer Präsidentin Lagarde.

Die Kandidatin Christine Lagarde hat Jura studiert und als Wirtschaftsanwältin gearbeitet, bevor sie 2008 französische Finanzministerin wurde. 2011 wechselte die Französin an die Spitze des Internationalen Währungsfonds. Bild: YOAN VALAT/EPA-EFE/Shutterstock

 

Wann werden die Inflationsraten das gewünschte Niveau erreichen?

Die Inflationserwartungen haben sich weit unterhalb der als sinnvoll für eine Volkswirtschaft erachteten Zielmarken festgefressen. Eine schwache Konjunktur verleitet eher zu noch niedrigeren Inflationserwartungen. Ehe wir hier wieder heraus sind, dauert es viele Jahre.

Was heißt das für die Freunde von Tagesgeld und Co?

Dass Abwarten zwecklos ist. Eventuell sorgt die Demografie in Gestalt eines höheren Verhältnisses von Rentnern zur arbeitsaktiven Bevölkerung irgendwann einmal wieder dafür, dass weniger gespart wird und damit die Zinsen wieder steigen können. Das ist aber eher für die zweite Hälfte der 20er-Jahre zu erwarten. Wenn dann noch der Lohndruck zunimmt, könnte auch die Inflation wieder etwas ansteigen. Das alles ist aber zu lange hin. In der Zwischenzeit sind Aktien eine der wenigen verbliebenen Alternativen, um laufende Renditen zu erzielen.

Grafik: KD1

Aber die letzten Lohnabschlüsse waren doch bereits ganz ordentlich.

Der Druck ist bislang nicht so groß, dass die Unternehmen die steigenden Kosten auf die Preise aufschlagen – sie befürchten, dann sofort von der Konkurrenz ausgebootet zu werden. Stattdessen kompensieren sie höhere Löhne durch Produktivitätssteigerungen und Kostensenkungen. Interessanterweise spielt dabei auch das Inflationsziel der westlichen Notenbanken eine Rolle. Preissprünge passen einfach nicht in eine Welt mit einer angepeilten Inflation von rund 2 Prozent. Das haben die Unternehmer offenbar verinnerlicht. Das Paradoxe an der Situation: Früher versuchte die EZB die Teuerungsrate auf 2 Prozent zu begrenzen, jetzt unternimmt sie alles, um Inflation zu schüren und überhaupt die 2 Prozent einmal zu erreichen.

Und letztlich ist es egal, ob sie das mit Christine Lagarde, Jens Weidmann oder jemand anderem an der Spitze macht?

Nein, es gibt Situationen, in denen die Persönlichkeit des EZB-Chefs oder der Chefin sehr wichtig ist – etwa in Krisenzeiten. Hier kommt es auf eine gute Vernetzung der Führungspersönlichkeit mit der Politik, auf Erfahrung und auf Entschlusskraft an. Hierüber verfügt Frau Lagarde sicherlich in hohem Maße.

Stand: 03.07.2019

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